Im ursprünglichen Sprachgebrauch war der Sinn des griechischen Wortes »symbolon« der eines Erkennungszeichens. Wenn zwei Freunde für längere Zeit oder für immer voneinander schieden, so zerbrachen sie eine Münze, ein Tontäfelchen oder einen Ring; kam nach Jahren jemand von der befreundeten Familie zurück, so konnten die zusammengefügten Teile (symbállein = zusammenwerfen, zusammenfügen) bestätigen, dass der Träger des einen Bruchstückes wirklich Anspruch auf die Gastfreundschaft besaß. Das Symbol ist also ein »Zusammengefügtes«, in dem ein sonst nicht wahrnehmbarer Sinninhalt manifestiert wird.
Zunächst »Symbol aus etwas« (die beiden zusammenzufügenden Teile) geht der Sprachgebrauch über zum »Symbol von etwas«; das Symbol steht stellvertretend für eine geistige Realität (die Freundschaft der Besitzer der Bruchstücke), die an ihm wahrnehmbar wird. Das Symbol ist sichtbares Zeichen einer unsichtbaren Wirklichkeit.

Schon in der Antike konnten mit »Symbola« die verschiedensten Dinge bezeichnet werden, z.B. Verträge in der Rechtskunde, das Losungswort im Kriegswesen und in Mysterienbünden, der zur Weissagung dienende Vogelflug. Bischof Cyprianus von Carthago (Mitte des 3. Jh.) gebraucht das Wort Symbol erstmals in der Bedeutung von Glaubensbekenntnis (Symbolum). Die Stoiker erblickten im Symbol einen verhüllenden Hinweis auf eine philosophische oder theologische Wahrheit; diese »symbolische« - richtiger: allegorische - Auslegungsweise übernahm Philon von Alexandrien für die Erklärung der Bibel.

Als Zusammengesetztes steht das Symbol im Schnittpunkt zweier verschiedener Seinsebenen. Gerade durch seinen Schnittpunktcharakter ist es aber nicht nur ein (von einer Ebene auf die andere) hinweisendes Zeichen, sondern es hat auch an beiden teil: im Äußeren offenbart es das Innere, im Körperlichen das Geistige, im Sichtbaren das Unsichtbare. Nach Goethe (Maximen und Reflexionen) ist die wahre Symbolik überall dort, »wo das Besondere das Allgemeine repräsentiert, nicht als Traum und Schatten, sondern als lebendig augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen«. Zwischen dem Symbol und dem von ihm Repräsentierten besteht ein innerer Zusammenhang, der auf eine Wesenseinheit hinausläuft. Das Bezeichnete (Signifikat) und das Bezeichnende (Signifikant) lassen sich - im Gegensatz zum willkürlich gesetzten Zeichen - nicht austauschen. Die Erscheinung des Symbols ist nicht etwas Zufälliges, sondern gehört letztlich zum Wesen der sich darstellenden Wirklichkeit.

Die in der wissenschaftlichen Literatur im Hinblick auf »Symbol« und »Zeichen« anzutreffende Begriffsverwirrung ist in der Weise zu klären, dass in den anthropologischen Disziplinen der Begriff Symbol als signum repraesentativum (vergegenwärtigendes, teilhabendes Zeichen) vom willkürlich bezeichnenden Zeichen, dem signum significativum, zu unterscheiden ist. Nach M. Thiel gehört letzteres zur Vertretungs-Symbolik (das Zeichen steht stellvertretend für etwas anderes), ersteres zur Transparenz-Symbolik (im Symbol scheint das Sein durch). Als drittes ist die Real-Symbolik zu nennen, bei der das Symbol nicht als solches erfaßt, sondern mit dem Symbolisierten als Einheit erlebt, empfunden wird (häufig bei den sog. Naturvölkern anzutreffen, aber auch in Hochkulturen und ›höheren‹ Religionsformen) wenn man auch nicht von einer Identität sprechen darf, so können »Bild« und Wirklichkeit doch so ineinander übergehen, dass sie eins zu sein scheinen.

Die hiermit aufgezeigte Abgrenzung zwischen dem willkürlich bezeichnenden Zeichen und dem das Symbolisierte durch Analogie vergegenwärtigenden (transparent machenden) oder an ihm (an seiner Realität) teilhabenden Symbol ist für jede weitere Terminologie grundlegend.
Die dem Bild und Symbol nahestehenden Termini ergeben aneinandergereiht eine Art »Spektralband«, bei dem infolge verschiedener Wertigkeit nicht alle Begriffe gleich viel ›Raum‹ einnehmen und auch ihr Nebeneinander durchaus variabel ist: Allegorie, Analogie, Archetyp, Chiffre, Emblem, Gleichnis, Metapher, Motiv, Typos.

Die Spannung zwischen sinnlicher Anschaulichkeit und geistiger Bedeutung macht das Symbol zu einem wichtigen Ausdrucksmittel in Philosophie, Religion und Kunst. In der Philosophie zeigt sich, dass die Grundgegebenheiten von Welt und Leben rational nicht ausschöpfbar sind; im Symbol jedoch wird die Natur, die materielle Welt transparent auf ihren Existenzgrund hin. Das Symbol ist Verhüllung und Offenbarung zugleich; deshalb ist die Deutung von Symbolen oft so schwierig. Bei der Übertragung in die Sprache der Begriffe, bleibt immer ein unübersetzbarer Rest. Gerade weil das Symbol auf das Unsichtbare und Unbegreifbare weist und es repräsentiert, lässt es sich nicht mit unserer Ratio begreifen. Mircea Eliade hebt als Eigenart des Symbols hervor, dass es sich an den ganzen Menschen wendet und nicht nur seinen Verstand. Das Symbol ist immer ein Extrakt, ein Auszug aus einer Fülle von Einzelgedanken; es fasst ganze Gedankenreihen in eine sonst unerreichte bildhafte Kürze zusammen. Symbole sind keine starren, präzise abzugrenzenden Gebilde, sondern veränderlich und oft mehrdeutig mehrdeutig (Ambivalenz).

 

Manfred Lurker, Gründungsmitglied der Gesellschaft für wissenschaftliche Symbolforschung. Artikel »Symbol«, in: Wörterbuch der Symbolik. Unter Mitarbeit zahlreicher Fachwissenschaftler, herausgegeben von Manfred Lurker. Fünfte, durchgesehene und erweiterte Auflage. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 1991, S. 719-720. (= Kröners Taschenausgabe Band 464).
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